Wann sollte eine Vergesellschaftung (VG) bei Kaninchen abgebrochen werden?

Es ist leider immer noch so, dass man sich bei Kaninchen keine ernsthaften Gedanken macht, welche Schaden die Psyche der Tiere nehmen können.

Verursacher ist immer der Mensch, auch wenn man lieber glauben mag, dass man nur das Beste für seine Kaninchen möchte.

Ich lese leider vermehrt in Foren oder diversen Kaninchengruppen teilweise Beiträge bei dem Thema Vergesellschaftung, welche mir
das Herz bluten lassen. 
Vielleicht gut gemeinte Ratschläge gehen in der Menge der Anfrage eher unter und helfen nicht wirklich den Kaninchen.
Es wird nicht gefragt ob der/die Halter Kaninchen erfahren sind oder ob es sich hierbei vielleicht um Kinder handelt und es wird auch nicht darüber nachgedacht, dass hier Menschen mit lesen und ein völlig falsches Bild bekommen können.

Leider wird oftmals auch nicht an die Kaninchen selbst gedacht und man muss sehr oft lesen:
"Das sind nun mal Kaninchen und die klären ihre Rangordnung so. Ich würde diese nicht trennen, wenn" ...

Das hier durchaus öfter mal etwas mehr Feingefühl nötig ist und man viel mehr hinterfragen sollte, geht oftmals völlig unter.


Ich habe seit über 20 Jahren Kaninchen und blicke seit dem Jahr 2010 auf über 50 Vergesellschaftungen bei mir Zuhause zurück inkl. eigener Kaninchen. 
Weiter habe ich an diversen vor Ort Vergesellschaftungen geholfen, VG´s über whats app und per Mail und Telefon begleitet.
Seit Jahren lese ich immer wieder in Foren oder auch bei facebook bei Beschreibungen von VG´s mit.
Von den Pflegekaninchen die hier schon ein und aus gingen, habe ich zusätzlich sehr viel lernen können.


Ich habe sicherlich durch meine enge Arbeit mit so vielen Tieren, eine etwas andere Sichtweise in all der Zeit entwickelt und diese möchte ich hier gerne einmal darlegen:


Wie arbeitet der Kaninchenraum bei Vergesellschaftungen?

Seit dem Jahre 2010 habe ich inzwischen um die 50 Vergesellschaftungen durchgeführt, inklusive eigener Kaninchen. 
Dass sich die Besitzer unheimlich schwer damit tun, zu sehen wie ihre Kaninchen sich bekämpfen, Fell ausreißen etc. war mir recht schnell bewusst.
Aber am meisten fasziniert mich noch immer die unterschiedliche Art der völlig unterschiedlichen Kaninchencharaktere und ihren Umgang mit dem Partner/den Gruppentieren während einer Vergesellschaftung.
Mir wurde schnell klar, dass es keine all-inclusive-Lösung für eine VG gibt, sondern jede VG eine eigene Dynamik hat. 

Jedoch war mir zusätzlich sehr schnell bewusst, das Kaninchen ebenso ein Schmerzgefühl haben wie andere Tiere oder auch Menschen. 
Wenn Kaninchen Wunden von einer Vergesellschaftung davon tragen, empfinde ich das nicht als Bagatelle, sondern denke ernsthaft darüber nach, eine Vergesellschaftung ab zu brechen. Und diese Entscheidung treffe ich dann im Sinne der Kaninchen und nicht nach Wunsch eines Menschen.

Mein VG Gehge.
In all den Jahren habe ich im Gehege von 4m² frü die VG folgende Gegenstände:
- 1 Gehege (mindestens 80cm hoch)
- 1-2 Toiletten (je nach Größe)
- 1 rutschfester Untergrund (PVC oder Teppiche)
- Futter - und Wasserschüssel 

Keine Häuser, keine Tunnel, also keine Versteckmöglichkeiten.
Hiermit habe ich bisher eine sehr hohe Erfolgsquote von nahezu 99% bei Pärchen, da die Kaninchen sich direkt mit sich beschäftigen müssen.

Vergesellschaftungen von Gruppen führe ich bei mir Zuhause eher seltener durch, da diese viel länger andauern und die Kaninchen nicht 
wie bei Pärchen in der Regel nach einer Woche wieder in ihr Zuhause können.

Man sollte sich auch bitte immer vorab fragen, warum denn noch einmal ein zusätzliches Kaninchen zu einem Pärchen oder in eine Gruppe dazu soll. Wenn ein Pärchen Probleme miteinander hat oder nicht so harmonisch miteinander lebt, sollte man eventuell erst einmal nach der Ursache suchen und nicht noch zusätzliche Kaninchen dazu setzen.
Selbst bei Pärchen kann es mal länger dauern, wie man unschwer bei meiner Shana und Flocki erkennen konnte. 
Meine Erfahrung zeigt, dass es immer eine Ursache für Verhaltensauffälligkeiten gibt.

Sicherlich gibt es immer Ausnahmen, wo alles perfekt klappt und harmoniert und selbstverständlich freut mich das auch 
für diese Kaninchen.


Eine Vergesellschaftung ist in der Regel nicht abgeschlossen, nur weil die Kaninchen nach ein paar Tagen miteinander fressen oder sich gegenseitig putzen, auch wenn man das vielleicht nicht gerne hören mag. Die Natur hat da ihre eigenen Regeln und dies ist auch völlig in Ordnung. Hier ist dann erst einmal nur der Grundstein für ein harmonisches Miteinander gelegt.

Wenn ich die Kaninchen zusammen setze, dann bleibe ich erst einmal dabei und schaue mir die Reaktionen der Kaninchen genau an.
Gehen die Kaninchen gleich aufeinander los?
Ist ein Kaninchen aggressiver als das andere?
Ist ein Kaninchen extrem ängstlich?
Wer zeigt mehr Dominanzverhalten?
Wie schlimm beißen sie sich?
Was zeigt deren Körpersprache aus?

Ich schaue mir das sehr genau an und versuche zu analysieren, was zwischen den Kaninchen gerade passiert und wie deren Kommunikation untereinander abläuft.

Es ist selbstverständlich auch bei mir niemals ausgeschlossen, dass es zu schlimmen Wunden kommt. Das kann sehr schnell passieren, noch bevor man dazwischen gehen kann oder auch erst nach ein paar Tagen/Wochen, wenn man nicht zu Hause ist. 

Daher ist es sehr wichtig, vor allem in der Vergesellschaftungsphase mehrmals täglich die Kaninchen auf Wunden zu untersuchen.
Augen, Ohren, Nase, Geschlechtsteile, aber auch der Rest des Kaninchenkörpers absuchen nach Wunden, damit schnell eine Wundversorgung stattfinden kann und sich keine Entzündung entwickelt.

Ich kläre vor einer Vergesellschaftung die Besitzer immer auf, was im schlimmsten Fall passieren kann. Dies sehe ich als meine Pflicht an.
Es sind nach wie vor Tiere, die ihre eigene Art haben und man kann niemals voraussehen, wie sich eine Vergesellschaftung schlussendlich entwickeln wird. 

Gibt es Anzeichen / Verhalten der Kaninchen bei denen ich eine Vergesellschaftung abbreche?
Ein klares Ja!

- Wenn ich sehe, dass ein Kaninchen aggressives Verhalten zeigt, was vermutlich nicht auf die Vergesellschaftung an sich zu schließen ist, dann 
breche ich ab. Hier muss dann zuerst der gesundheitliche Zustand des Kaninchen gecheckt werden.
- Wenn ein Kaninchen einem anderen Kaninchen direkt ins Gesicht beißt, breche ich ab. Hier gilt es tatsächlich zu unterscheiden, ob richtig gebissen 
wird und das Kaninchen tatsächlich verletzen will oder ob nur gezwickt wird, denn das sind für mich ganz deutliche Unterschiede.
- Wenn eine Bissverletzung eine Fleischwunde hervorruft die genäht oder getackert werden muss oder aber ein Stück Ohr/Nase 
eingerissen/abgebissen wird, breche ich eine Vergesellschaftung sofort ab.
- Wenn ich bei einem Kaninchen merke, dass ein Trauma vorliegen könnte und die Vergesellschaftung dieses in dem Fall verschlimmert, breche ich 
ab.



Wer jetzt glaubt, dass ich zimperlich bin, der täuscht sich. Ich habe in all den Jahren noch keine Handvoll Vergesellschaftungen abbrechen müssen.
Und es ist keinesfalls so, dass ich nur einfache und stressfreie Vg´s hatte.

Je mehr Vg´s ich mache umso mehr achte ich auf die Kaninchen und ihre eigene Sprache und versuche zu verstehen, woran es liegen mag, wenn Aggressionen im Spiel sind. In der Regel ist es auch relativ einfach, denn meist ist eines der Kaninchen krank oder hat Schmerzen.
Mit Aggressionen meine ich das Verhalten, was über den normalen Teil einer Vergesellschaftung hinaus geht. Man muss sich selbstverständlich die Zeit nehmen, heraus zu finden, wo das Problem verankert ist, denn nur so kann man es lösen.

Wann greife ich nicht ein bei einer Vergesellschaftung bei Kaninchen?

- Wenn Fell gerupft wird, die Wunden dabei aber nur oberflächlich sind.
- Wenn die Kaninchen sich gegenseitig anspringen.
- Wenn sich die Kaninchen gegenseitig kneifen.
- Wenn sich die Kaninchen mit Urin bespritzen.

Selbst wenn eine Vergesellschaftung "harmloser" aussieht, kann sich ein Kaninchen dennoch verletzen, daher sollte man dies immer kontrollieren.
Selbst kleine Wunden können sich schlimm entzünden oder zu Abszessen führen und auch ein ausgerissener Zehennagel tut den Kaninchen weh.

Bisher liege ich mit meiner Arbeitsweise bei einer sehr guten Quote, daher gibt mir meine Erfahrung, die ich mit den Kaninchen bei mir gemacht habe auch Recht. Da Kaninchen Tiere sind, werde ich mich darauf nicht immer verlassen, sondern immer zusätzlich mein Bauchgefühl mit einbeziehen. 

Am wichtigsten ist das, was mir die Kaninchen selbst mitteilen durch ihr Verhalten! 
Denn ich werde immer versuchen im Sinne der Kaninchen zu handeln und bin dafür verantwortlich, dass kein Kaninchen ernsthaft zu Schaden kommt. Dies sehe ich als meine Pflicht an.




Bei Fragen, kann man mich gerne anschreiben.



© Kaninchenraum, Juni 2017