Was bedeutet es eigentlich, eine Pflegestelle zu sein?

Seit Susi in mein Leben trat, habe ich mein Herz an Kaninchen mit Handicap verloren.
Mir wäre es auch nie in den Sinn gekommen, eines meiner Kaninchen ab zu geben, nur weil es plötzlich ein Handicap hat.

Daher war es fast nahe liegend, dass ich als Pflegestelle auch nur Kaninchen mit einem Handicap oder eben ganz schlimm kranke
Kaninchen eine Pflegestelle biete.

Doch was bedeutet es eigentlich eine Pflegestelle zu sein?

Wenn ein neues Kaninchen in einer Pflegestelle abgegeben wird, dann weiß man vorher nie wirklich, was auf einen zu kommt.

Yuki ♥


Es gibt zwar sichtbare Krankheiten wie Abszesse, EC (nicht immer sofort sichtbar) oder auch fehlende Gliedmaßen, jedoch auch genügend Krankheiten, die man nicht sofort sehen kann oder Symptome, die nicht sofort auftreten.
Daher kann man auch nie von Anfang an abschätzen, was finanziell auf einen zu kommt und wie viel Zeit man mit dem Tier hat.

Abraxa ♥


Von der emotionalen Seite möchte ich hier noch gar nicht reden...
Pflegestellen haben auch meist selbst Kaninchen, bei denen man oft nicht abschätzen kann, ob und wann diese noch zusätzlich krank werden.

Für Pflegestellen zählt meist nur eins: Sie wollen dem Kaninchen in Not helfen.

Pflegestellen von Tierschutzorganisationen haben zumindest die finanziellen Sorgen nicht, da die Tierarztkosten in der Regel vom Verein übernommen werden. Einstreu und Futter muss jedoch auch hier selbst gezahlt werden, da die Kosten ansonsten einfach zu hoch wären.

Private Pflegestellen müssen jedoch Einstreu, Futter, Tierarztkosten und Tierheilpraktiker selbst stemmen.
Sie sind oft auf Spenden angewiesen, da alleine eine Operation einen schon in finanzielle Not bringen kann.

Leon ♥


Wie oft habe ich schon gehört oder gelesen, dass man keine Kaninchen in Not aufnehmen soll, wenn man sich so etwas nicht leisten kann.
Ich finde das extrem anmaßend, denn hinter einer Pflegestelle steht in erster Linie der Wunsch helfen zu können.
Dies geschieht oft mit dem letzten Geld, was man selbst zur Verfügung hat.
Weiter liest man in Foren oder in sozialen Netzwerken häufig, wie man Pflegestellen vorschreibt, wie sie ihre Kaninchen zu behandeln haben und was sie eben so falsch machen.
Auch dies empfinde ich als anmaßend und wundere mich oft, wie man etwas beurteilen kann, was man selbst nicht direkt gesehen hat, sondern nur aus schriftlicher Erzählung kennt. Dabei spielt es auch keine Rolle ob man eine externe Pflegestelle ist oder dem Verein selbst angehört.
Selbst wenn man sich einen Rat ein holt, wüsste ich nicht, warum dieser dann umgesetzt werden muss, wenn einem das Bauchgefühl etwas anderes sagt.

Jeder der selbst eine Pflegestelle bietet weiß eigentlich wovon ich schreibe.

Einblick in die Pflegestelle im Kaninchenraum:


Wenn mich jemand an schreibt oder aber ich auf einen Fall aufmerksam gemacht werde, dann versuche ich erst einmal heraus zu finden, um was es sich hier genau handelt.
Manchmal sind die Halter einfach nur etwas überfordert und benötigen etwas Hilfestellung, so dass ein Kaninchen nicht wirklich abgegeben werden muss. Wenn das Zuhause des Kaninchens ansonsten in Ordnung ist und ein Partnertier vorhanden, dann versuche ich grundsätzlich erst einmal nur zu unterstützen.
Wenn ich nach einem Telefonat dann fest stelle, dass die Besitzer dermaßen überfordert sind, ob emotional oder auch finanziell, dann überlege ich ob ich eine Pflegestelle suche oder diese selbst bieten kann. Voraussetzung hierfür ist, dass ich Platz habe.
Ich habe selbst 4 Kaninchen, welche in 2 eigenen Zimmern leben. Drei der Kaninchen sind Handicapkaninchen.
Somit bleibt mir nur mein Wohnzimmer als Quartier und ich kann höchstens 1-2 Kaninchen eine Pflegestelle bieten.
Mehr ist einfach nicht möglich, da ich keine Kaninchen stapeln möchte. Also habe ich diese Grenze für mich selbst erstellt.
Ich bin also nur eine Minipflegestelle
Die Kaninchen werden dann meist vorbei gebracht oder ich hole sie ab, dies muss vorab organisiert werden.
Ich muss ein Gehege richten mit Häuschen, Futterschüsseln etc. Da ich anfangs noch nicht wissen kann ob de Kaninchen stubenrein sind, muss ein Gehege gestellt werden und darunter ein PVS gelegt.

Wenn die Kaninchen dann gebracht oder abgeholt werden, findet meist noch ein Gespräch statt mit den ehemaligen Besitzern. Außerdem muss ein Abgabevertrag gemacht werden, damit die ehemaligen Besitzer keinen Anspruch mehr auf die Kaninchen erheben können.

Nun muss das Kaninchen im neuen Zuhause zuerst einmal etwas ankommen. Es sei denn es ist ein absoluter Notfall, der sofort zum Tierarzt muss.
Ich füttere dann erst einmal alles mögliche um zu sehen, was sie gerne mögen und wie viel sie fressen, denn jedes Kaninchen frisst anders und hat andere Vorlieben. Hier muss ich dann darauf achten, dass das Futter vertragen wird und es nicht zu Aufgasungen oder Verstopfungen kommt, da die Kaninchen meist anderes Futter gewöhnt sind.
In den meisten Fällen weiß ich vorab schon, aus welchem Grund die Kaninchen abgegeben werden. Also ob es Zahnpatienten sind oder ob sie Ec haben oder Schnupfer etc.
Der Tierarztbesuch wird dennoch manchmal zu einem Schock, wenn sich weitere Baustellen auf tun.

Röntgenbild von Abraxas Metastasen.



Zu der Arbeit mit den eigenen Tieren kommt dann Tag für Tag noch die Gesundheitskontrolle der Pflegetiere, das Säubern des Geheges, Medikamente geben, Wiegen und was noch so alles nötig ist.

Und egal was kommt, ich versuche immer das Beste daraus zu machen. Und wenn es eine teure Angelegenheit wird, dann mache ich Spendenaufrufe, damit ich mir von anderen helfen lassen kann. Denn hier geht es nicht um mich oder meine eigenen Kaninchen, sondern um Abgabetiere, denen ich ein neues Leben ermöglichen möchte.
Und es fällt mir keinesfalls leicht um Spenden zu bitten, weil ich weiß, dass so mancher dies kritisch beäugt.
Viele spenden auch lieber an einen Verein, da dort eben ein richtiges Konzept dahinter steht, mit vielen Mitgliedern.

Bei manchen Kaninchen muss ich Nachts auf stehen, da ich die Kaninchen noch nicht gut kenne und erst einmal sehen muss wo hier die Baustellen sind und wie die Kaninchen sich verhalten etc. oder eben zum zufüttern.
Schlaflosigkeit und ständige Angst ein Kaninchen zu verlieren, begleiten mich als Pflegestelle Tag für Tag und Nacht für Nacht,
Vor jedem Tierarztbesuch habe ich Bauchweh, weil ich nie weiß, ob nicht doch noch etwas dazu kommt.

CT von Lesleys Abkapselung hinter dem Auge, verursacht durch einen Zahn, der gezogen werden muss.


Und immer, wenn ich ein Kaninchen verliere denke ich tatsächlich auch darüber nach, keine Pflegestelle mehr zu bieten.
Es tut immer unsagbar weh, wenn ich ein Kaninchen verliere. Und ja, ich frage mich auch immer mal wieder, ob ich wirklich alles getan habe.
Ich bin nicht unfehlbar, ich mache Fehler und dazu stehe ich auch.
Mein Bauchgefühl entscheidet sehr oft über meinen Kopf und bisher waren das immer die richtigen Entscheidungen.
Als ich anfing Pflegestelle für Kaninchen zu sein, war mir ehrlich gesagt nicht bewusst, dass ich sehr oft eine Endstelle sein werde und wie sehr einen der Verlust schmerzen kann, auch wenn das Kaninchen noch nicht lange in Pflege bei mir war.


Bunny♥


Als Pflegestelle hat man also immer mit finanziellen und vor allem auch emotionalen Sorgen zu kämpfen.

Mein Respekt gilt daher jeder Pflegestelle und vor allem dann, wenn sie keinem Verein angehört und alles aus eigener Tasche zahlen muss.
Weiter bin ich nicht nur eine Pflegestelle, sonder berate zu allen Themen rund um Kaninchen.
Mit der Zeit hat sich bei mir einfach nur heraus gestellt, dass ich am liebsten zum Thema Handicap bei Kaninchen und auch Verhaltensstörungen bei Kaninchen wie auch Vergesellschaftungen berate, da genau hier meine Stärken liegen.

Als Pflegestelle habe ich aber zum Glück auch ganz tolle Momente, wenn ein Kaninchen endlich zu nimmt oder seine ersten Luftsprünge macht.
Wenn man die Nachricht bekommt, dass der Eiter endlich verschwunden ist oder wenn man für ein Kaninchen mit einem Handicap vielleicht sogar ein neues Heim gefunden hat.
Und es gibt tolle Menschen, die einen unterstützen
Herzlichen Dank hierfür

Mein Herz gehört den Kaninchen mit Handicap und das wird auch so bleiben.
Die Kaninchen auf den Fotos hier, waren übrigens alle bei mir in Pflege und starben bei mir.
Sie werden alle einen Platz in meinem Herzen haben für immer.

Ich wünsche mir aufrichtig mehr Respekt jenen Menschen gegenüber, die etwas für Tiere tun, auch wenn sie keinem Verein oder einer Tierschutzorganisation angehören. Denn sie durchleben die gleichen Ängste und Sorgen um ein Tier wie andere. Und müssen noch mit den finanziellen Sorgen klar kommen.



© Kaninchenraum, im November 2015