Wie alt muss ein Kätzchen bei der Vermittlung sein?

 

 

Immer wieder kann man in Kleinanzeigen oder auch im Internet lesen, dass kleine Kätzchen im Alter von 6 oder 8 Wochen abzugeben sind. Und selbst wenn man mal gehört hat, dass das ja eigentlich noch viel zu jung ist, lassen sich viele mit Argumenten wie „die müssen jetzt weg, die Mutter will sie ja gar nicht mehr“, „das kann doch schon alles, was es können muss und frisst auch schön“ oder „wenn Sie es nicht nehmen und sich sonst keiner findet, dann kommen sie eben ins Tierheim“ am Ende doch breitschlagen.



Deswegen hier mal ein paar wissenswerte Infos zur Entwicklung kleiner Kätzchen und den Folgen, die eine zu frühe Trennung haben kann:

                                               Wie sich Kätzchen entwickeln:

Nach der Geburt sind die Kätzchen blind, taub und haben vor allem HUNGER. Sie wiegen zwischen 60 bis 140 Gramm und suchen sofort mit Hilfe des Tast- und Geruchssinns die Zitzen ihrer Mutter. Mit der ersten Milch, dem sogenannten Kolostrom, erhalten die Kätzchen Antikörper, die die Mutter aufgrund früherer Impfungen und Infektionen gebildet hat. Nach wenigen Tagen wird dann erst die richtige (Mutter-)Milch gebildet. Außerdem verbringt die Mutter die ersten Tage ausschließlich bei ihren Kitten und auch in den folgenden Wochen lässt sie sie nur selten für kurze Zeit allein.

Mit 2 Wochen öffnen die Kätzchen die bis dahin geschlossen Augen, richten die Ohren auf und nehmen erstmals ihre Umgebung wahr. In dieser Zeit lernen sie Stück für Stück die unmittelbare Umgebung ihres Nestes kennen, entdecken ihre Geschwisterchen, fangen an, sich geschickter zu bewegen.
Ab der 3. Woche verlassen die Kätzchen ihr Nest für kleinere Ausflüge und fangen an, mit ihrer Mutter und den Geschwistern zu spielen, sich auf das Leben als Katze vorzubereiten. Außerdem beginnen sie zu verstehen, worauf die Artgenossen mit Beißen, Miauen, Flucht und Fauchen reagieren. Zu diesem Zeitpunkt bringt die Katzenmutter auch schon erste Beute (zunächst tot, später auch lebend) mit zu ihrem Wurf. Die kleinen Kätzchen haben zwar einen angeborenen Jagdinstinkt, das Jagen selbst und vor allem den tödlichen Nackenbiss müssen sie aber erst lernen.

Zwischen der 4. und 8. Lebenswoche werden die Kätzchen langsam von der Muttermilch entwöhnt. Sie beginnen in dieser Phase damit, auf der mitgebrachten Beute herumzukauen. Erst nach der 8. Woche sind die Jungen fähig, von fester Nahrung zu leben.
Etwa gleichzeitig mit der Entwöhnung verändert sich auch das Spielverhalten der Kitten. Sie beschäftigen sich stundenlang mit ihren Geschwistern, üben das klassische Jagdverhalten (Anschleichen, Sprung, Zupacken), werden immer neugieriger und erkunden jede Ecke und jeden Winkel ihres Nestes. Bei freilebenden Katzen wird dieses Verhalten durch die Mutter unterstützt, indem sie die Jungen in ein anderes, größeres Nest mit mehr Platz bringt. Ebenfalls in der Phase der Entwöhnung erzieht die Katzenmutter ihre Jungen zur Stubenreinheit, indem sie Ihnen zeigt, wie und wo sie ihre Geschäfte verrichten sollen.

Mit der nun beginnenden zunehmenden Unabhängigkeit von der Katzenmutter beginnt für die Kleinen eine weitere wichtige Sozialisierungsphase: Beim Jagdspiel mit dem eigenen Schwanz, Geschwistern oder allen möglichen kleinen Dingen trainieren die Katzenkinder ihre überlebenswichtigen körperlichen und jagdlichen Fähigkeiten.

Bei den Balgereien und Kampfspielen lernen die Kätzchen zivilisierten Umgang miteinander: wenn sie im Spiel zu fest zubeissen oder kratzen, reagiert der Spielgefährte natürlich, schreit und versucht wieder zu beissen und zu kratzen. Somit lernen die Kätzchen, dass ein Spiel mehr Spass macht, wenn sie sich selbst beherrschen. Die kleinen Milchzähne und Krallen sind zwar schmerzhaft, aber nicht gefährlich. Aber wenn die Katzen dann ersteinmal erwachsen sind, müssen sie sich und ihre Waffen kontrollieren können. Auch dabei hilft die Katzenmutter, indem sie die Kitten im Spiel immer mal wieder mit den Vorderpfoten festhält und mit den Hinterpfoten in den Bauch tritt. Das Katzenkind lernt dabei, sich ganz ruhig und still zu verhalten, seine Kräfte und Reflexe zu kontrollieren.



Erst mit 12 bis 16 Wochen werden die Kätzchen wirklich unabhängiger von der Mutter. Sie haben gelernt, wie man Beute macht, wie man mit Artgenossen umgeht und wie man sich als Katze zu benehmen hat. Mit 6 bis 8 Monaten (oftmals aber auch schon früher!) kommen Katzen in die „Pubertät“, werden geschlechtsreif und langsam auch erwachsen. Das körperliche Erwachsenwerden ist ungefähr mit einem Jahr abgeschlossen, das psychische und soziale Erwachsensein tritt dagegen erst ungefähr mit Vollendung des 3. oder 4. Lebensjahres ein.



Was passieren kann, wenn man Kätzchen zu früh von Mutter und Geschwistern trennt:

Wie oben beschrieben entwickeln Kätzchen einen wichtigen Teil ihrer sozialen Fähigkeiten erst in der Phase nach der Entwöhnung von der Muttermilch. Katzen, die nie die Gelegenheit hatten, ihre Kräfte und ihre Grenzen mit den Geschwistern auszutesten, lernen dies in den allermeisten Fällen später nicht mehr. Sie können zu aggressiven „Kampfkatzen“ werden, die die Arme und Beine ihrer Halter bis aufs Blut zerkratzen oder die plötzlich aus einem Hinterhalt angreifen.

Sie bleiben oftmals für ihre Menschen unberechenbar – eben „typische Katzen“, weil sie nie gelernt haben, wie sie sich eigentlich verhalten sollten. Und sie haben es schwerer mit Frustrationen umzugehen, weil ihnen wichtige Erfahrungen fehlen. So manches „Protestpinkeln“, mit dem auf Veränderungen im Wohnumfeld oder des täglichen Zeitplanes reagiert wird, hat seine Ursache in einer mangelhaften Sozialisierung. Ein Kätzchen, das zu früh von der Mutter getrennt wurde und dann in seinem neuen Zuhause alle Freiheiten hatte, weil es ja erstens ach so niedlich und putzig ist und zweitens auch der bestmeinendste Mensch eben die Konsequenz der Katzenmutter nicht ersetzen kann, haben eben nie gelernt, dass es manchmal nicht nach ihrem Köpfchen geht.
Und nicht zuletzt sind viele dieser Kätzchen anfälliger für Krankheiten, wenn sie die schützende Muttermilch zu früh verloren haben.



Deswegen, auch wenns schwer fällt:

Hände weg von so kleinen Kätzchen!

 

 

 

 

 

Danke an Conny G. für die freundliche Leihgabe des Artikels.


Für Kaninchen   in Not, die